Audi R8 und Lamborghini Gallardo Schnelle Brüder

22.09.2008

Mit dem Audi R8 offeriert die Marke mit den vier Ringen ihren ersten serienmäßigen Mittelmotor-Sportwagen.Schließlich kam schon das erste Mittelmotorauto der Welt von Auto Union: der Silberpfeil Typ A von 1934. Bei der Audi-Tochter Lamborghini sitzen die Motoren seit 1966 traditionell vor der Hinterachse. Doch wie viel Lamborghini Gallardo steckt wirklich im Audi R8?

Schon vor dem R8 trieb das Mittelmotor-Erbe der Auto Union die ein oder andere Blüte. 1991 erregte die Studie Quattro Spyder V6 Aufsehen auf der IAA. Und sie weckte Begehrlichkeiten. Rund 100 000 Mark hätte der von einem nur 174 PS starken V6 angetriebene Mittelmotor-Sportler kosten sollen. Ein faires Angebot, zumal bei Porsche die Dinge damals nicht gerade zum Besten standen.

Die Modellreihe 964 des Dauerbrenners 911 war damals kein Renner, sodass die Chancen für einen Konkurrenten so gut wie selten waren. Es kam anders, der Quattro Spyder wanderte ins Museum, und Porsche erholte sich mit dem 993 vom Tief der frühen Neunziger. Das Mittelmotor-Konzept geriet in Ingolstadt dennoch nicht in Vergessenheit. Diverse Concept Cars und der Einkauf der Marke Lamborghini deuteten an, dass irgendwann mal die Zeit reif sein würde für einen 911-Konkurrenten mit dem Vier-Ringe-Logo.In Sant’Agata Bolognese wurde der Gallardo auf Kiel gelegt - nach langer Zeit mal wieder ein Lamborghini unterhalb der Zwölfzylinder-Klasse.

Ein mutiger Schritt, denn die vorherigen Versuche der Norditaliener, eine Baureihe als Konkurrenz zum 911 und den Achtzylinder-Ferrari zu etablieren, waren grandios gescheitert. Die achtzylindrigen Urraco, Silhouette und Jalpa blieben nicht mehr als Randnotizen in der Lamborghini-Historie. Der Gallardo ist mit seinem 520 PS starken V10 ein richtiges Erfolgsmodell. Und er öffnete wohl auch die Tür für den R8. Denn tief im Inneren des Audi steckt - wie beim Gallardo - ein Allradantrieb mit Viscokupplung und kein quattro-Strang mit Torsendifferenzial nach Art des Hauses.

Dennoch käme kaum jemand, der vor den beiden Mittelmotorsportlern steht, auf die Idee, jene viel kolportierten Gerüchte zu wiederholen, nach denen der R8 eine Art abgespeckter Gallardo sei. Ein Lamborghini Light für Audi-Fahrer gewissermaßen. "Das stimmt einfach nicht", sagt ein Mann, der es wissen muss. Matthias Müller ist bei Audi Modellreihen-Verantwortlicher für A4 und A6 sowie die Sportwagen TT und R. "Es gibt genau eine Baugruppe, die bei R8 und Gallardo identisch ist, die Bremsanlage von Brembo", erklärt der Audi-Entwickler. Alle anderen Komponenten sind R8-spezifisch, oder sie stammen aus anderen Audi-Modellen, vornehmlich dem A6 und dem TT."Unsere Wettbewerber sind Ferrari und die anderen Supersportwagen", meint Müllers Kollege aus Sant’Agata Bolognese.

Maurizio Recciani leitet die Abteilung Forschung und Entwicklung bei Lamborghini und weiß sehr gut, dass R8 und Gallardo weniger gemeinsam haben, als so mancher vermutet. "Natürlich haben wir bei der Entwicklung des Spaceframes für den Gallardo das Knowhow von Audi genutzt", sagt Recciani. Keine Rede aber davon, dass etwa die Aluminium-Spaceframes von Gallardo und R8 gemeinsam gefertigt würden. "Der Gallardo-Spaceframe wird beim Zulieferer Thyssen Krupp Drauz bei Heilbronn gebaut, während der R8 direkt im Werk in Neckarsulm entsteht", erläutert der Lamborghini-Mann.

Dass der R8 auf einem größeren Unterbau basiert als der enge Gallardo, macht schon eine kurze Sitzprobe in den beiden Sportwagen mehr als deutlich. Deutlicher jedenfalls, als es die nackten Zahlen zeigen. Nur neun Zentimeter mehr Radstand und acht Zentimeter mehr Höhe schaffen im Audi ein völlig anderes Raumgefühl. Die Sitze sind bequem, und die Bewegungsfreiheit ist im Vergleich zum klaustrophobisch engen Lamborghini geradezu limousinenhaft. Der größere Radstand des Audi reicht auch für einen tourentauglichen Kofferraum, der die obligatorischen zwei Golfbags aufnimmt.

"Der R8 ist als Daily Sportscar konzipiert, ein Auto, mit dem man jeden Tag bei jedem Wetter fahren kann", sagt Matthias Müller. Und er erläutert, dass auch der Allradantrieb und das Getriebe des Mittelmotor-Audi auf dieses Entwicklungsziel hin ausgelegt worden seien. Anders als andere Audi mit sequenzieller Schaltung verfügt der R8 nicht über ein Doppelkupplungsgetriebe (DSG), sondern ein automatisiertes Schaltgetriebe vom italienischen Zulieferer Graziano, der auch die E-Gearbox des Gallardo baut. "Es gibt vorläufig kein DSG für längs eingebaute Motoren", sagt Müller. Auf Wunsch lässt sich der Audi natürlich auch ganz normal manuell schalten. Und Maurizio Recciani ergänzt: "Die Allrad-Lösung mit Viscokupplung eignet sich besser für einen Mittelmotor-Sportwagen, die Kraftverteilung kann variabler geregelt werden."

Dennoch sieht Recciani im R8 keine Konkurrenz für den Gallardo. Auch das Preisspektrum sei ein völlig anderes. Und Matthias Müller sekundiert: "Wir haben den R8 zwischen TT und Gallardo platziert. Selbst für den Fall, dass es das Auto später auch mit einem kräftigeren Motor geben sollte, wird es immer noch weniger Leistung haben und weniger kosten als ein vergleichbarer Lamborghini." Vorläufig trennen 100 PS und rund 50 000 Euro Neupreis die beiden.

Nicht, dass der R8 deswegen wesentlich langsamer wäre. Denn um die politisch korrekte 250-km/h-Limitierung schert er sich erst gar nicht. Mit einer Höchstgeschwindigkeit von 301 km/h und einer Beschleunigung von null auf 100 in 4,6 Sekunden (Werksangaben) kommt er dem neuerdings auf 520 PS erstarkten Gallardo nahe: 315 km/h und 4,2 Sekunden lauten dessen entsprechenden Werte. Erst bis 200 km/h kann sich der Gallardo deutlicher absetzen: 13,4 zu 14,9 Sekunden. Womit der R8 genau dort angekommen ist, wo der Quattro Spyder vor 15 Jahren schon fast war: auf Augenhöhe mit der gerade aktuellen Porsche 911-Baureihe.

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