Renault Clio V6 Zickiger Zwerg mit dicken Backen

Zickiger Zwerg mit dicken Backen

Vor zehn Jahren präsentierte Renault eine Mittelmotor-Studie auf Clio Basis. Die Resonanz war so groß, dass das Konzept als Renault Sport Clio V6 Ende 2000 in Serie ging. Damit hatte der legendäre R5 Turbo einen legitimen Nachfolger gefunden und Renault endlich wieder ein automobiles Aushängeschild

"Kannst du mich später mitnehmen?", fragte mich neulich ein Bekannter. "Nee, geht nicht, Max fährt schon mit". "Ja, und? ich dachte, du fährst `nen Clio!?"

An diesem Punkt kommen Clio V6-Fahrer immer wieder in Erklärungsnöte. "Ich habe nur zwei Sitze, hinten ist der Motor." Erst wird man nicht ernst genommen: "Selbst getunt, oder wie?" Dann verschwindet das breite Grinsen des Gegenüber: "Echt? Es folgt ein Antwortenkatalog: Mittelmotor, Heckantrieb, 254 PS, 250 km/h Spitze, kein ESP, kaum Kofferraum... "Komm, lass uns mal kurz gucken gehen."

Muskelprotz für die große Show

Der kleine Franzose mit den großen Muskeln sieht aus, wie eine Kreuzung aus Bernie Ecclestone und Arnold Schwarzenegger - klein und mit dicken Muskeln bepackt. Die Karosserie liegt tief, die Schürzen sind bullig und ausgestellte Lufteinlässe vor der Hinterachse saugen riesige Mengen Luft an. Der Clio scheint fast so breit wie lang und lässt den Macho so weit raushängen, dass man sich schon wieder in ihn verlieben kann.

Die Auto-Vorführung kann schon mal einen Nachmittag in Anspruch nehmen, denn mit Angucken lässt sich niemand abspeisen. Prompt wird eine Mitfahrt verlangt, am besten über die nächste Nobel-Shop-Meile. Also rein in die Stadt, vorbei an schicken Boutiquen und lässig den Arm aus dem Fenster baumeln lassen. "Wie schnell läuft der eigentlich?" Und ab auf die nächste Autobahn.

Hinter den Sitzen tobt der Sechszylinder

Zweiter Gang, 70 km/h und Vollgas. Jetzt bekommt der Clio die Peitsche, schlagartig erwacht das auf der Hinterachse thronende Monster mit sechs Töpfen. Schluss ist's mit Laissez-faire. Ab 4000 Umdrehungen beginnen die zwei oberarmdicken Endrohre so infernalisch an zu schreien, dass eine Unterhaltung kaum noch möglich ist. Bis knapp über 7000 Touren geht die Brüll-Orgie, dann kurz das Kupplungspedal ans Bodenblech hämmern, den Magnesium Schaltknauf in die nächste Fahrstufe drücken und schon beginnt alles von vorne.

Zickiger Kleinwagen mit extrem schmalem Grenzbereich

Aber wehe man übertreibt es und reizt den blauen Zwerg. Beim Versuch, richtig schnell über den Rundkurs zu jagen, heißt es: Obacht. Ein zu starker Ruck am Lenkrad, ein bisschen zu viel Gas und der breite Hintern des einst zahmen Franzosen tänzelt aus der Reihe. Zu glauben, man könne die Situation retten, indem man den Giftzwerg mit einem beherzten Drift um die Ecke bugsiert, ist fatal. Besser sollte man den Fuß vom Gas nehmen und Gegenlenken, denn aus einem kleinen Quersteher wird schnell eine Pirouette gen Leitplanke. Im Straßenverkehr sind Spielchen mit Gas und Lenkung also nicht zu empfehlen. Auf abgesperrter Strecke sieht das jedoch ganz anders aus. Dort kann man den Clio an seine Grenzen bringen und den Versuch wagen, doch noch einen sauberen Drift zu fahren.

Sehen Sie hier im Video den Renault Clio V6 in Aktion.

 

Blitzschnell verliert der Clio seine Bodenhaftung

Doch das Gripniveau der Reifen ist so hoch, dass der Clio immer zum Untersteuern tendiert, sicher ist sicher. Also muss er mit Lastwechseln und plötzlichem Gaspedaleinsatz provoziert werden und plötzlich steht der Über-Clio quer. Das passiert so schnell, dass an kontrollierte Drifts gar nicht mehr zu denken ist. Vielmehr ist der Fahrer damit beschäftigt, das Auto auf der Strecke zu halten. Also schnell den Asphalt bewässern und wieder auf die Strecke. Jetzt genügt schon ein leichter Tritt auf das Gaspedal und das Heck tanzt Samba. Doch auch hier gilt: Wer es schafft, den Clio abzufangen, ist gut. Wer ihn kontrolliert im instabilen Zustand halten kann, ein Ausnahmetalent.

Fast unfahrbar aber geil

Fazit: Eigentlich ist der Clio V6 sportlich gesehen ein fast unfahrbares Auto. Völlig unvernünftig, unpraktisch, im Grenzbereich unberechenbar und teuer obendrein. Doch gerade weil er so komplett abgedreht ist, kann man ihn einfach nur lieben. Den unbeschreiblichen Klang der Endrohre, die Drehfreude des Sechszylinders und das abgehobene, einmalige sowie prollige Outfit sind einfach ein Genuss und herrlich bekloppt. Danke, dass beim Autobau manchmal Emotionen über ökonomischen Sachverstand siegen.
eng

» Bildergalerie mit vielen weiteren Informationen zum Clio V6

Motor: Sechszylinder V-Motor, 2946 ccm Hubraum, 254 PS/187 kW
Länge/Breite/Höhe: 3841/1830/1356 mm
Gewicht: 1475 kg
Fahrleistungen: 0-100 km/h in 5,8 Sekunden, 250 km/h Höchstgeschwindigkeit,
Verbrauch: 11,9 Liter (EU-Norm)
Preis (2005): 39.900 Euro

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