Technik: Abstandsradar Crash trotz Radar?

26.10.2006

Die Distronic Plus mit Bremsassistent Plus in der neuen Mercedes S-Klasse ist in die Schlagzeilen geraten. Wir testen, was sie wirklich kann.

Nie zuvor - waren Autos so sicher: Assistenzsysteme mit Elektronik, Radar und Bremseingriff entlasten den Fahrer. Neben Unterstützung bei ermüdenden Kolonnenfahrten – bei der die Distronic für den richtigen Abstand sorgt – und nervenden Stop-and Go-Passagen soll die neue Mercedes S-Klasse sogar rechtzeitig eine Notbremsung auslösen.
Versuch und Irrtum
Im publikumwirksamen Stern-TV wollte Mercedes beweisen, dass eine hochgerüstete Mercedes S-Klasse sogar dann, wenn der Fahrer nichts sieht – zum Beispiel im dichten Nebel – noch vor dem rasant nahenden Stauende anhalten kann. Doch der Versuch ging schief und endete mit einem Auffahrunfall vor laufender Kamera. Grund der Peinlichkeit: Die Situation war gestellt. Ungeschickterweise in einer Versuchshalle, die – mit metallischen Anlagen gespickt – den Radarstrahl so irritierte, dass das System kapitulieren musste. Pech oder Systemfehler? Wir gingen auf Versuchsfahrt, um herauszufinden, was die Mercedes Distronic Plus (Aufpreis 2700 Euro) wirklich kann und wo sie patzt.
Das System reagiert, wenn der Fahrer pennt
Erste Station: Auf dem abgesperrten Testgelände bei Mercedes proben wir die Kolonnenfahrt mit plötzlicher Vollbremsung des Vorausfahrenden. Dazu dient uns eine Versuchsanordnung mit Fahrzeugattrappe, die wie der Lock-Hase beim Greyhound-Rennen vor uns hergezogen wird. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Bei unzähligen Versuchen, auch mit abgelenktem Fahrer, sorgen ein lauter Piepton und aufflackernde Lämpchen im Tacho für hohe Aufmerksamkeit. Die natürliche Reaktion – ein Tritt auf die Bremse – bewirkt Wunder: Das Auto verzögert je nach Notwendigkeit komfortabel oder mit Maximalkraft. Das funktioniert aber nur, wenn der Fahrer tatsächlich die Bremse betätigt, weil die Distronic Plus nur mit 40 Prozent der Maximalkraft bremsen kann und eine Vollbremsung stets eine bewusste
Handlung des Fahrers sein soll. Dabei arbeiten Distronic und Bremsassistent eng zusammen. Und dann passiert es doch: Reagiert der Fahrer viel zu spät, ist der Crash unvermeidlich. Wir erleben, wie es ist, wenn die Technik einen weiteren Helfer aufs Programm ruft: PreSafe. Ein Prozessor managt die Unfall-Vorbereitung und nutzt die letzten Sekunden, um Gurte zu straffen und Fenster zu schließen. Sich aufblasende Sitzpolster umschließen die Insassen fest, um sie in aufrechter Position zu halten. In der Praxis hätte es gekracht, bei uns klappt lediglich der Bügel des Lock-Hasen hoch.
Komfort-Tempomat und Sicherheitsfeature
Zweite Station: reale Kolonnenfahrt. Unser Auto bleibt brav im Windschatten des vorausfahrenden Fahrzeugs, ohne den vorgeschriebenen Mindestabstand zu unterschreiten. Verringert sich der Abstand, nimmt der Abstandsregel-Tempomat automatisch Gas weg und aktiviert die Bremse. Mit der Distronic Plus reicht der Regelbereich von 200 km/h bis zum Stillstand. Das ist derzeit nur bei Mercedes und im Honda Legend möglich. Dritte Station: Fahrt auf ein festes Hindernis. Den Prüfklotz auf dem Testgelände erkennt das System ausnahmslos und bremst stets sicher ab. So weit, so gut. Doch wie zuverlässig arbeitet der Radar im Alltag? Wir suchen die Herausforderung im Straßenverkehr. Das sind zum Beispiel Reflexionen, die der Radarstrahl falsch interpretieren könnte. Wir fahren das Auto über ein Straßenbahn-Depot. Von den verschlungenen Schienensträngen, Weichen und Hochspannungsleitungen zeigt sich die Elektronik völlig unbeeindruckt.
Metall in Brücken und Zäunen lässt das System kalt
Auch die Glienicker Brücke in Potsdam mit ihrer Fachwerk-Metall-Konstruktion bringt die Radarortung unseres Testwagens nicht aus der Ruhe. Sogar vom Industriehof des Berliner Containerbahnhofs bleibt die Distronic Plus unbeeindruckt. Weder das Fahren durch Containerschluchten noch riesige Portalkräne zwingen das Radar zum Abschalten. Lediglich beim Orten eines vor einem Containerstapel abgestellten Autos hat die Radartechnik Schwierigkeiten, die Echosignale richtig zu orten und meldet ungewöhnlich spät die drohende Gefahr.
Prof. Dr. Thomas Breitling, Direktor für aktive Sicherheit bei DaimlerChrysler: „Metallische Objekte in der Umgebung können zu schwierig auszuwertenden Signalen und längeren Beobachtungszeiten führen.“ Beim Durchfahren von Dorf- und Kleinstadtgassen fällt uns auf, dass Metall-Bauzäune und abgestellte Autos nicht berücksichtigt werden. Breitling: „Diese werden vom Radar zwar erkannt, aber rechtzeitig wieder verworfen, um die Insassen nicht mit unnötigem Piepen zu nerven.“ Eine weitere Kategorie von bewegten Objekten ignoriert das Radarsystem komplett: den Querverkehr. Also Menschen, Tiere und Autos, die quer zur Fahrtrichtung vor dem Fahrzeug auftauchen. Grund: Mit Radarortung sind solche Situationen nicht sicher zu beherrschen. Auch bei eisglatter Fahrbahn kann die Distronic keine Wunder bewirken – hier ist nach wie vor der Fahrer gefordert.

Das kann Distronic Plus

    Bei Kolonnenfahrt hält das Fahrzeug bis zur eingestellten Wunschgeschwindigkeit den erlaubten Abstand zum Vorausfahrenden.
    Variabler Abstand. Der Fahrer kann den Mindestabstand im Bereich der gesetzlich zulässigen Werte per Drehknopf variieren.
    Stop-and-Go Die Anlage regelt komfortabel bis zum Stillstand. Zum Anfahren muss der Fahrer sein „Einverständnis“ durch einen Tip am Tempomathebel oder per Gaspedal signalisieren.
    Einparken Das Nahbereichsradar übernimmt die vollständige Funktion eines Parkassistenten.
    Notbremsung In Zusammenarbeit mit dem Bremsassistent Plus lassen sich kürzeste Bremswege erreichen. In kritischen Situationen wird PreSafe ausgelöst.

Hier versagt Distronic Plus

    Querverkehr Vor dem Fahrzeug querende „Objekte“, also Menschen, Tiere und andere Fahrzeuge, werden grundsätzlich nicht berücksichtigt. Denn die Anlage ist zur „Verfolgungsortung“ ausgelegt.
    Zielverlust Beim Abbiegen und in engen Kurven verliert der Messstrahl den Kontakt und beschleunigt auf das vorgewählte Tempo.
    Versetzte Fahrspur In Baustellen mit Spurwechsel und bei unharmonischer Spurführung verliert der Messstrahl kurzzeitig sein Ziel.
    Schmale Silhouette Motorrad- und Fahrradfahrer können nicht immer sicher erkannt werden.
    Glatteis Die Bremsoptimierung ist auf griffige Fahrbahn ausgelegt. Nässe, Schnee und Eis erkennt die Anlage nicht und reagiert deshalb in solchen Situationen zu spät.

Abstandswarner anderer Hersteller

    Audi A8 und A6: Der Abstandsregler heißt bei Audi Adaptive Cruise Control und regelt im Bereich zwischen 30 und 200 km/h. Droht eine kritische Situation, dann werden ESP und Bremse aktiviert.
    BMW 3er, 5
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