Unmöglicher VW-Vergleich: Käfer gegen Golf VW Golf 1.4 TSI gegen VW 1300

von AUTO ZEITUNG 15.03.2019
Inhalt
  1. Vergleich: VW Golf 1.4 TSI gegen den VW Käfer
  2. VW-typische Bedienelemente in Golf und Käfer
  3. VW Käfer & VW Golf 1.4 TSI: Zwei Komfort-Welten
  4. Schmaler Grenzbereich im VW Käfer
  5. Karosserie
  6. Fahrkomfort
  7. Motor und Getriebe
  8. Fahrdynamik
  9. Umwelt und Kosten
  10. Gesamtbewertung

Es ist Zeit für einen unmöglichen Vergleich: Welcher Volks-Wagen ist der beste? Im 3500. Test der AUTO ZEITUNG aus dem Jahr 2010 trifft der Golf 1.4 TSI auf eine rollende Legende – den Käfer!

Autos testen, das hieß in den 60er- und 70er-Jahren, regelmäßig den VW Käfer unter die Lupe zu nehmen. Waren die großen Ferien in Wolfsburg vorbei, gab es meistens etwas Neues zu entdecken am Wirtschaftswunderkrabbeltier. Wann immer „das Werk“ Hand an den „Typ 1“ legte, stieg die Fachsimpelfrequenz an den Stammtischen: „Er hat jetzt eine Startautomatik. Für den Export gibt es neuerdings ein Stahlkurbeldach für 250 Mark.“ Erhöhte das Werk die Preise, war das eine Meldung in der Tagesschau wert. Als der kleine Rundling 2003 nach 65 Produktionsjahren ausgekrabbelt hatte, waren exakt 21.529.464 Exemplare gebaut worden. Der Held trat ab und wurde zur Legende. Längst ist ein anderes WOB-Mobil zum Stammhalter der Niedersachsen geworden: der VW Golf. Seit 1974 im Programm, spielt der kompakte Allrounder die Rolle des Volks-Wagens. Geht der Golf gut, geht es VW gut. Aber ist der Golf auch das bessere Auto? Besser als sein Urahn? Oheim gegen Spund. Ein beinahe unerhörter Vergleich. Mehr zum Thema: VW Käfer/Scirocco I/Scirocco II & Corrado im Test

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Vergleich: VW Golf 1.4 TSI gegen den VW Käfer

Zum Vergleich treten an ein Käfer, genauer gesagt der VW 1300 Baujahr 1969 mit 40-PS-Boxer im Heck und ein Golf VI als 122 PS kräftiger 1.4 TSI – viertürig und mit dem formidablen Doppelkupplungsgetriebe (DSG) unter Deck, das auch die schwindende Zahl der Automatik-Skeptiker überzeugen kann. Bevor der Golf den alten Meister mit der Güte seiner Mehrfachlenkerhinterachse in Grund und Boden federt, ihn nach Lust und Laune ausbeschleunigt oder ihm dank der Genügsamkeit seines aufgeladenen 1,4-Liter- Benzin-Direkteinspritzers in ungeahnte Reichweiten enteilt, haut der erfahrene Buckel dem werksneuen Frischling erst einmal eine Breitseite in die crashoptimierte Front. Neupreis: 5.495 Mark! Das macht präzise 2.809 Euro und 55 Cent und brächte im pingelig genauen AUTO ZEITUNG Vergleichstest den Fabelwert von 650 Punkten. Zum Vergleich: Der in AZ-Normausstattung – sie enthält die gängigsten Extras – genau 24.185 Euro teure Golf kommt auf 229 Zähler. Allerdings: Vor 41 Jahren, als eine Schachtel Lord Extra zwei Mark kostete, wogen 5.495 Mark natürlich schwerer auf der Hand als heute. Der Fairness halber berücksichtigen wir die seither in Deutschland aufgelaufene Preissteigerung. Der mausgraue 1300er würde währungs- und inflationsbereinigt 6.012 Euro kosten. Das reicht für immer noch phänomenale 581 Punkte. Zum höheren Tarif bietet der VW Golf dafür Annehmlichkeiten, die man sich anno dazumal nicht im Traum vorstellen konnte: Das CD-Radio oder die fernbedienbare Zentralverriegelung waren noch nicht erfunden, Klimaanlagen unverschämt teuer und zudem höchst selten. Von der Sicherheitsausstattung gar nicht zu reden, aber dazu später mehr.

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VW-typische Bedienelemente in Golf und Käfer

Der VW Käfer bietet vier serienmäßig bis auf den Boden herabreichende Räder, einen abschließbaren Handschuhfachdeckel und ein zentrales, nicht zu übersehenes Rundinstrument mit den Anzeigen für das Allerwichtigste. Den neuzeitlichen Fensterhebern des VW Golf – die seitlichen Glasflächen verschwinden auf Knopfdruck geheimnisvoll in den Türen – setzt der Käfer Kurbelscheiben entgegen und seine erstaunlich effektiven Dreiecksfenster. Im richtigen Winkel aufgestellt, leiten sie Frischluft ins Innere – so lange die Fuhre rollt. Tut sie es nicht, wird es des Sommers lecker warm unterm grauen Kuppeldach. Mangels Staudruck können dann auch die beiden Frischluftregler im Armaturenbrett nichts ausrichten. Ein Lüftungsgebläse hat der 1300er nicht. Tipp: manuelle Beduftungsanlage mitnehmen. Kölnisch Wasser wirkt Wunder. Stichwort Heizung: Die ausgefeilte und schnell reagierende Golf-Klimatisierung versucht der Käfer mit einer schwer zu beeinflussenden Warmluftheizung zu kontern. Regelmäßiger Quell des Verdrusses sind die vermaledeiten, am Auspufftopf platzierten Heizbirnen, (Anm.: Gefühlsausbruch des Autors, geht nicht in die Bewertung ein.), deren Klappensteuerung gern festgammelt und oft zu Beginn oder Ende einer Heizperiode mit dem Hammer in Gang gesetzt werden muss. Ansonsten gibt die Bedienbarkeit des Käfers keine Rätsel auf. Die wenigen Schalter sind schnell lokalisiert und liegen gut zur Hand. Im Golf gibt es aufgrund der Fülle von Ausstattungsfeatures mehr zu tun. Dennoch Kompliment: typisch VW sind die Bedienelemente logisch aufgebaut. Mehr zum Thema: Opel Astra 1.4 Turbo ecoFLEX vs. VW Golf 1.4 TSI BMT

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VW Käfer & VW Golf 1.4 TSI: Zwei Komfort-Welten

Angenehm straffe Sitze, ein luftiges Raumgefühl vorn und ordentliche Platzverhältnisse hinten adeln den VW Golf 1.4 TSI zum Reisewagen. Ob leer oder beladen, die Golf- Federung nimmt selbst derben Pisten ihren Schrecken, Roll- und Antriebsgeräusche bleiben dezent im Hintergrund. Der Käfer verwöhnt mit einer automatischen Sitzhöheneinstellung: Gewichtsabhängig sinken Fahrer und Beifahrer mehr oder weniger tief in die Polster ein. Im Kurzstreckenverkehr durchaus angenehm. Gewöhnungsbedürftig ist hingegen der von der Hinterachse herrührende Trampolin-Effekt des Aufbaus auf welligem Grund. Von Platzangebot im engeren Sinne kann beim Käfer keine Rede sein, selbst wenn uns der Erinnerungsoptimismus Bilder vom Campingurlaub am Gardasee einblendet – fünf Mann, Dosen-Ravioli für drei Wochen, Schlauchboot, Außenborder, Kiste Pils. Der VW Käfer ist klein. Es ging halt irgendwie.

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Schmaler Grenzbereich im VW Käfer

Irgendwie „ging“ auch das Fahrverhalten des Ur-Volkswagen. Geübte Käfer-Fahrer hatten Spaß im Schnee und kannten den schmalen Grenzbereich des Hecktrieblers. Im Fahrverhalten trennen die beiden Wolfsburger nämlich Welten. Während der VW Käfer im Slalom wegen der latenten Hecklastigkeit und seines geringen Gewichts noch wacker durch die Pylonengasse eilt, zeigen ernsthafte Handlingversuche seine Grenzen auf. Grund: Lange hielt VW beim Käfer an der tückischen Pendelachse fest. Eine ausgefederte Pendelachse verkleinert ihre Spurbreite und verändert den Radsturz extrem. In zu schnell angegangenen Kurven kann das Heck plötzlich ausbrechen.

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Der im Fahrversuch stets mustergültig seine Bahn ziehende VW Golf vertraut auf seine aufwändige Mehrfachlenkerachse hinten, umrundet auch schnelle Kurvenradien mit stoischer Gelassenheit und lässt dem Oldie keine Chance. Ebenso mustergültig sind Lenkung und Bremsen abgestimmt. Hinzu kommt das sauber eingestellte, reaktionsschnelle Doppelkupplungsgetriebe, das gut mit dem aufgeladenen 1,4-Liter-Benziner harmoniert. Das Einlenkverhalten des auf der Vorderachse nur wenig belasteten 1300er ist erstaunlich zackig, dafür fallen die Lenkwinkel groß aus. Die über ein stehendes Pedal betätigte Bremse baut frühen Druck auf – und das ist gut so. Denn letztlich müssen vier Trommelbremsen die Fuhre wieder anhalten. Wo im VW Golf 1.4 TSI Front-, Kopf und Seitenairbags im Ernstfall Schlimmeres verhindern, hilft beim VW Käfer der klare Blick nach vorn, um den Ernstfall gar nicht erst eintreten zu lassen. Das dicke Blech schützt nur bedingt. Ein Lob verdient der unverwüstliche, herrlich sonor brabbelnde 1,3-Liter- Boxer (40 PS) im VW Käfer, der im Testmittel mit 8,5 Liter Super über die Runden kam. Dickes Blech, wenige Teile, einfache Konstruktion – qualitativ liegt der Test-Oheim gut im Rennen. Vier Jahrzehnte, und er läuft noch immer. Dem unerschütterlich wirkenden, mit zwölf Jahren Rost-Garantie prämierten und durch feinste Spaltmaße auffallenden VW Golf 1.4 TSI kann er jedoch nichts anhaben. Der Golf, Namenspatron einer ganzen Fahrzeugklasse, ist ein würdiger Erbe des VW Käfers und zu Recht der Volks-Wagen unserer Zeit. Der Käfer selbst ist ein Denkmal – eines, das wir stets in Ehren halten wollen.

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Karosserie

KarosserieMax. PunkteVW Golf 1.4 TSIVW 1300
Raumangebot vorn1007040
Raumangebot hinten1005730
Übersichtlichkeit703835
Bedienung/ Funktion1009080
Kofferraumvolumen100309
Variabilität100255
Zuladung/ Anhängelast803915
Sicherheit150940
Qualität/ Verarbeitung200185100
Kapitelbewertung1000628314
 

Fahrkomfort

FahrkomfortMax. PunkteVW Golf 1.4 TSIVW 1300
Sitzkomfort vorn15011860
Sitzkomfort hinten1007230
Ergonomie150132100
Innengeräusche50360
Geräuscheindruck1006940
Klimatisierung50335
Federung leer20014050
Federung beladen20013940
Kapitelbewertung1000739325
 

Motor und Getriebe

Motor und GetriebeMax. PunkteVW Golf 1.4 TSIVW 1300
Beschleunigung1501050
Elastizität10000
Höchstgeschwindigkeit150530
Getriebeabstufung1008250
Kraftentfaltung502920
Laufkultur1007040
Verbrauch325270220
Reichweite25187
Kapitelbewertung1000627337
 

Fahrdynamik

FahrdynamikMax. PunkteVW Golf 1.4 TSIVW 1300
Handling150600
Slalom1006839
Lenkung1008230
Geradeauslauf503820
Bremsdosierung302015
Bremsweg kalt150970
Bremsweg warm1501070
Traktion1004220
Fahrsicherheit15013050
Wendekreis20175
Kapitelbewertung1000661179
 

Umwelt und Kosten

Kosten/UmweltMax. PunkteVW Golf 1.4 TSIVW 1300
Bewerteter Preis675229581
Wertverlust501450
Ausstattung25180
Multimedia50  
Garantie/Gewährleistung50285
Werkstattkosten201719
Steuer1098
Versicherung403439
Kraftstoff554436
Emissionswerte2500
Kapitelbewertung1000393738
 

Gesamtbewertung

 Max. PunkteVW Golf 1.4 TSIVW 1300
Summe500030481893
Platzierung 12

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Unser Fazit

Dass der VW Golf 1.4 TSI den Vergleich gegen den VW Käfer haushoch gewinnt, war klar. 40 Jahre Automobilbau ohne Fortschritt wären katastrophal, zumal die Konstruktion des Käfers noch aus den 30er-Jahren stammt. Der Pendelachsen-VW fährt teils grenzwertig, bietet wenig Platz, eine launige Heizung und mäßigen Komfort. Dafür hat sich der kultige Wirtschaftswunderwagen einen Ehrenparkplatz in den Herzen der Menschen erobert. Er läuft, und läuft, und läuft, und läuft. Und der Golf? Er ist teurer, kann aber alles viel besser – und das muss er auch.

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